Teil 3 - Die Verantwortlichkeit der USA fuer die Regierungen Saigons
Die Regierung des Praesidenten Nguyễn Văn Thiệu war ein Militaerregime auf schmaler Basis. Gegen sie opponierte die Nationale Befreiungsfront und gegen sie opponierten die Mehrheit des politisch aktiven buddhistischen und katholischen Klerus, Gewerkschaftsfuehrer, Studenten und Intellektuelle. Die militaerische Folge dieser Opposition war ein verheernder Krieg, die politsche Folge war ein umfassender Unterdrueckungsapparat.
Aufgrund der Finanzierung und Beratung des Polizei- und Strafvollzugssystems waren die USA verantwortlich fuer die Lage der politischen Gefangenen. Im weiteren Sinn muessten sie sogar einen Teil der Verantwortung fuer die Natur der Regierung in Saigon uebernehmen, eine Regierung mit eng begrenztem Spielraum, deren Wesen von der amerikanischen Politik und nicht von der vietnamesischen Realitaet diktiert wurde.
Die Pentagon Papiere verzeichneten Ziele und Probleme der amerikanischen Bemuehungen in Indochina. Von Anfang an stellten sich den USA bei der Errichtung einer pro-amerikanischen Regierung in Vietnam nahezu unueberwindliche Hindernisse entgegen. Am 27. September 1948 erklaerte das US-Aussenministerium, dass Hồ Chí Minh sich inzwischen
vermutlich auf eine betraechtliche Mehrheit des des vietnamesischen Volkes stuetzen kann...(und) die staerkste, sowie vielleicht die faehigste Persoenlichkeit in Indochina ist, und dass ein Loesungsvorschlag, der ihn nicht miteinbezieht, lediglich zu einem ungewissen Ergebnis fuehrt.
Trotz dieser Tatsache ging die Suche nach einem Rivalen fuer Hồ Chí Minh weiter, bis man den katholischen Mandarin Ngô Đình Diệm dazu bestimmte. Die Amerikaner wollten eine starke, antikommunistische Regierung. In einem Telegramm des Aussenministeriums vom 30. September 1954 hiess es dazu:
Bei hiesigen franzoesisch-amerikanischen Gespraechen haben wir und Franzosen Entschluss gefasst, Diệm bei Einsetzung und Erhaltung starker, antikommunistischer Regierung zu unterstuetzen.
Das Problem bei diesem Plan lag in der Tatsache, dass in den Augen der meisten Suedvietnamesen der Việt Minh die nationalistische Partei war, waehrend Diệm nur aufgrund amerikanischer Hilfe existierte, wie US-Aussenminister Dulles in einem Telegramm vom 9. April 1955 an die US-Botschaft in Saigon feststellte. Ein in den Pentagon Papieren enthaltener Bericht an das US-Aussenministerium vom 22. April 1955 schlussfolgerte:
Ueberdies wird der Nationalismus in Vietnam so stark mit Ho Chi Minh und der Viet Minh-Bewegung identifiziert, dass mit dem Nationalismus in Verbindung gebrachte und von den Viet Minh unterstuetzte Kandidaten und Fragen vermutlich selbst in den nicht von Kommunisten kontrollierten Gebieten von der Mehrheit der Bevoelkerung unterstutzt werden wuerden.
Waehrend die von der Genfer Konferenz auf den Sommer 1956 angesetzten gesamtvietnamesischen Wahlen immer naeherrueckten, war nichts von einer Steigerung der Siegeschancen Diệms zu spueren. Um aber auf jeden Fall zu verhindern, dass etwa ein Kommunist, ob nationalistisch oder nicht, gewaehlt wurde, setzten die USA gemeinsam mit Diệm die geplanten Wahlen einfach ab. Fast 10 Jahre spaeter gab US-Kriegsminister Mc Namara in einem Memorandum vom 16. Maerz 1964 an Praesident Johnson zu:
Einzig die Praesenz der Vereinigen Staaten hielt den Sueden unter weit guenstigeren Umstaenden zusammen und ermoeglichte es Diệm, die Verfuegung von 1954 auf nationale freie Wahlen im Jahre 1956 einfach zu ignorieren.
Noch in dem Monat, in dem die Wahlen haetten stattfinden sollen, erklaerte die CIA:
Der Trend zu einer autoritaeren Herrschaft mit Hilfe der von Diems Verwandten und einem kleinen Kreis zuverlaessiger Mitarbeiter gefuehrten politischen Parteien wird sich vermutlich fortsetzen. Ebenso fortsetzen wird sich die Isolierung und Neutralisierung von Kritikern an der Regierung und Maennern, die Diem nicht mag oder denen er misstraut.
Trotz der immer staerker zunehmenden Unterdrueckung fuhren die USA fort, Diem zu unterstuetzen. Im Jahre 1959 war die politische Lage sehr unruhig geworden. Ueber die Ursachen ist in den Pentagon Papieren in einem Dokument vom 7. Januar 1959 zu lesen:
Diese Unzufriedenheit beruht vor allem auf der autoritaeren und ueberall bemerkbaren politischen Herrschaft der Familie Ngo (Dinh Diem) und ihrer Mitarbeiter.
Offizielle Vertreter der USA gaben es zwar oeffentlich nicht zu, waren aber durchaus informiert ueber Diems Verhalten. Einer dieser offiziellen Vertreter, General
Edward G. Lansdale bemerkte am 17. Januar 1961 in einem Brief an den Verteidigungsminister:
Ich habe nichts uebrig fuer Amerikaner, die bei der Bildung eines faschistischen Staates helfen und hinterher boese werden, wenn dieser Staat sich nicht wie eine Demokratie verhaelt.
Der erste Versuch der Amerikaner, den Vietnamesen eine antikommunistische Regierung zu geben, endete mit der Ermordung Praesident Diệms am 1. November 1963. Diesem Ereignis waren monatelange zivile Unruhen vorhergegangen. Bei dem Staatsstreich, mit dem Diệm gestuerzt wurde, hatten Vertreten des Militaers der Vereinigen Staaten sowie die CIA in einem nicht unbetraechtlichen Ausmass die Hand im Spiel.
Dennoch stellt die Regierung der USA ihre Bemuehungen, den Suedvietnamesen eine bestimmte Regierungsform aufzuzwingen, nicht ein. Politische Annaeherung durfte auf gar keinen Fall gestattet werden. Praesident Johnson schrieb am 20. Maerz 1964 an den Botschafter der USA in Saigon:
Es sollte moeglich sein, in Saigon zu erklaeren, dass Sie ausdruecklichen Auftrag haben, die Idee einer Neutralisierung, wo immer sie ihr haessliches Haupt erhebt, zu unterdruecken, und in diesem Sinne gibt es fuer mich nichts Wichtigeres, als jedes Gerede von Neutralisierung auf jede erdenkliche Weise zu unterbinden.
Das politische Chaos, das nach dem Sturz Diệms entstand, dauert 18 Monate und endete mit einem von Nguyễn Cao Kỳ und Nguyễn Văn Thiệu gefuehrten Militaerputsch. Beide unterstutzten die Ziele der USA und fuehrten die politische Kontrolle wieder ein, von der die Diệm-Aera gekennzeichnet gewesen war.
Um diese pro-amerikanische Regierung am Ruder zu halten, unternahmen die Vereinigten Staaten zweierlei. Zur Abwehr des Aufstandes der Nationalen Befreiungsfront schickten sie eine halbe Million Soldaten und ein riesiges Arsenal von Versorgungsguetern nach Indochina. Zur Kontrolle der politischen Opposition stellten sie Millionen von Dollar und Hunderte von Beratern zur Verfuegung, die das staatliche Polizeisystem organisieren sollten. Amerikanische Truppen ergriffen Tausende vietnamesischer Zivilpersonen. Sie wurden anschliessend der Staatspolizei von Suedvietnam uebergeben, deren Gehaelter mit US-Steuergeldern bezahlt und die von Amerikanern ausgebildet und beraten wurde. Verdaechtige wurden sodann in amerikanisch finanzierten Zentren gefangen gesetzt, verhoert und gefoltert. Nach der Urteilsverkuendung landeten sie in von US-Stellen ausgebauten und eingerichteten Haftanstalten.
Die Vereinigen Staaten behaupteten damals, die Unterdrueckung der politischen Opposition und die Behandlung von Gefangenen seien eine innere Angelegenheit Suedvietnams. Eine derartige Einstellung verraet, wie begrenzt nach der Auffassung der USA die Souverenitaet Suedvietnams eigentlich war. Sie setzten die Diệm-Regierung ein, um sie dann wieder aus dem Sattel zu heben, sie schickten eine halbe Million Soldaten, um diese dann wieder zurueckzuziehen. Sie bombardierten das Heimatland der Vietnamesen und entlaubten dessen Waelder, ohne sie vorher um Erlaubnis zu fragen. Unter Berufung auf deren angebliche Unabhaengigkeit gestatten sie den diversen vietnamesischen Regimes jedoch, Menschenrechtsverletzungen in einem ungeheueren Ausmass zu begehen.
Alle Zitate dieses Blogeintrages stammen aus den Pentagon Papieren.
Fortsetzung folgt.
Viele Gruesse
Cathrin