Stellt euch eine Sprache mit rund dreieinhalbtausend Woertern vor. Stellt euch vor, anstelle jedes einzelnen Wortes wuerde eine Geste stehen und wie in der Sprache erzaehlen diese Gesten Geschichten von Freude und Leid, vom Krieg und der Liebe, von der Entstehung der Welt und der Schoenheit der Natur, das ist die Seele Kambodschas: Der kambodschanische Tempeltanz.
Apsaras sind in der hinduistischen Mythologie halb menschliche, halb goettliche Frauen, die im Palast des Gottes Indra leben. Sie gelten auch als Geister der Wolken und Gewaesser und sind mit den Nymphen in der griechischen und roemischen Mythologie vergleichbar.
Nach der Ueberlieferung bewohnten insgesamt 26 Apsaras den Himmelspalast. Ihre Hauptaufgabe war es, die Goettinnen und Goetter zu unterhalten. Einen besonderen Stellenwert erhielten Apsaras in der Mythologie der Khmer zur Zeit des historischen Koenigreiches Kambuja (Kambodscha) mit seiner Hauptstadt Angkor. Eine Legende erzaehlt davon, dass Koenig Jayavarman II., der als Gruender des Reiches Kambuja gilt, das Reich von Indra, dem Koenig der Goetter, zugewiesen bekam. Zugleich praesentierten die Apsaras den Menschen von Kambuja die Kunst des Tanzes.
Während der Erschaffung der Tempel von Angkor erlebte der kambodschanische Tempeltanz seine erste Bluetezeit (8.-11. Jahrhundert) und wurde seitdem von Generation zu Generation muendlich oder durch Darstellungen in den Tempeln weitergelehrt. Alleine im Tempel Angkor Wat befinden sich ueber 1.800 Sandstein-Reliefs von Apsara-Taenzerinnen.
Damals diente der Tempeltanz ausschliesslich zur Unterhaltung der koeniglichen Famile. Der Koenig waehlte jedes Jahr die 100 huebschesten Maedchen aus, die als Apsara-Taenzerinnen ausgebildet wurden.
Waehrend der Herrschaft der Roten Khmer wurden fast alle der ausgebildeten Taenzerinnen ermordet. Nur wenige ueberlebten und begannen 1980 damit, ihre Kunst an die neue Generation weiterzugeben. Die meisten Maedchen beginnen mit ihrer Ausbildung im Alter von fuenf oder sechs Jahren. Die begabtesten von ihnen werden spaeter an der Koeniglichen Universitaet der Schoenen Kuenste in Phnom Penh aufgenommen, wo sie neben ihrer neunjaehrigen Ausbildung als Taenzerin auch die Hochschulreife erreichen. Gegen eine kleines Spende ist es moeglich, an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen.
Das Repertoire der Taenze umfasst einfache Geschichten aus dem taeglichen Leben und der Natur, aber auch umfassende Darstellungen religioeser Mythen, wie die aus Indien eingebuergerte Ramayana-Saga oder die Apsara-Saga. Ein Tanz dauert zwischen zehn und dreissig Minuten.
Das Einstudieren eines einzigen Tanzes dauert je nach Komplexitaet zwischen sechs und 12 Monaten. Die Geschichten werden durch Gesten erzaehlt. Fuer jedes Wort steht eine bestimmte Geste. Die "Sprache", in der die Taenzerinnen ihre Geschichten erzaehlen, besteht insgesamt aus etwa 3.500 ganz genau vorgeschriebenen verschiedenen Gesten.
Die Kleidung der Taenzerinnen wird handgefertigt und blieb in den vergangenen Jahrhunderten unveraendert. Zur Darstellung des religioesen Charakters werden Perlen in Form von Lotusblueten und -blaettern gestickt. Die Kostueme werden alle in einer einheitlichen Groesse gefertigt und jeweils vor dem Auftritt an die Koerpergroesse der Taenzerin angepasst. Das Anziehen und Anpassen der Kleidung benoetigt vor jedem Auftritt zwei bis drei Stunden.
Viele Gruesse
Cathrin








dorodoro
Dadurch, dass diese Tänze so alt sind, kann man dann davon ausgehen, dass die einheimischen Zuschauer alle Gesten kennen uns somit die Geschichten verstehen? Oder gehören diese Tänze zum allgemeinen Kulturgut, dass sozusagen jedes Kind schon die getanzten Geschichten kennt?
Für mich sind sie wirklich faszinierend, besonders das Augenrollen und die grazilen Handstellungen.