Hanoi - Altstadt 01

Die Seele der Stadt hat sich in die Altstadt, die Strassen der Buerger und Handwerker zurueckgezogen.

sagte die Dichterin Huyện Thanh Quan (1805-1848). Auf dem Stadtplan ist die Altstadt von Hanoi noch immer als Stadt in der Stadt zu erkennen, wie ein Schachbrett zwischen dem Hoàn Kiếm-See und dem Roten Fluss. Sie wurde unter der Lý-Dynastie (1009-1225) in Phường eingeteilt, quadratische Viertel, von Phố (Strassen) geradlinig durchzogen. In unruhigeren Zeiten wurden die Phường durch Waelle und Hecken geschuetzt und waren durch bewachte Tore mit den benachbarten Phường verbunden. Mehrere Phường unterstanden einem Zivil- und einem Militaermandarin, die fuer Verwaltung und Sicherheit zustaendig waren. Ein Phường war in kleinere Einheiten unterteilt. Die kleinste bestand aus fuenf Haeusern. Dieses System erleichterte die Eintreibung von Steuern, Verteilung der Gemeinschaftsarbeiten, diente der Sauberkeit und Sicherheit.

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Fuer die Stadt, die die steigenden Ansprueche des Koenigshofes zu befriedigen hatte, diente das Delta des Roten Flusses als Menschenreservoir. Ein Zuzug von Einzelpersonen fand kaum statt. Es kamen vielmehr Familie, die sich spezialisiert hatten und Schmuck, Seide, Keramik, Lackwaren, Waffen und spaeter auch Moebel herstellten. Teure Waren wurden auf Bestellung angefertigt, billige in den Laeden der Phường angeboten. Meist waren es jedoch Gruppen von Handwerkern aus dem gleichen Dorf, die sich in Thăng Long oder in stadtnahen Doerfern ansiedelten. Zwangsverpflichtet waren nur die Arbeiter fuer die Koeniglichen Werkstaetten, die Generalmanufaktur und die Muenze. Ihnen wurden Kopfsteuer und Frohndienste erlassen. Das galt auch fuer kooperativ arbeitende Handwerker, die die Rohstoffe von Staat gestellt bekamen und sie zu bestimmten Fertigwaren zu verarbeiten hatten, wie die Silberschmiede der Hàng Bạc. Sie hatten zwar ebenfalls keine Kopfsteuer zu entrichten, dagegen Steuern auf ihre Produkte zu zahlen, die oft hoeher lagen.

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Bauern und Handwerker brachten die Ahnen- und Schutzgeister ihrer Doerfer und Berufe mit, errichteten in ihren Vierteln und Strassen Tempel und Pagoden. In einem Reisebericht aus dem Jahre 1651 heisst es:

Die Stadt ist 6.000 Fuss lang und 6.000 Fuss breit, und ihre Strassen sind so breit, dass zehn bis zwoelf Reiter nebeneinander reiten koennen. Aber zweimal im Monat, bei Vollmond und Neumond, sind so viele Menschen unterwegs, bevoelkern alle Strassen, dass man fortgesetzt angerannt und gestossen wird, und es dauert eine lange Zeit, auch nur einen kurzen Weg zurueckzulegen.
Das Gedraenge entstand, weil die Menschen am ersten und fuenfzehnten Tag des Mondmonats die Tempel besuchten.

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Die erhalten gebliebenen Haeuser der Altstadt stammen aus dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Die zunaechst lockere Besiedlung wurde immer dichter. Heute gibt es in der Altstadt keinen Meter ungenutzten Boden. Die Grundstueckspreise haben schwindelerregende Hoehen erreicht. Die Haueser wurden teilweise aufgestockt, sind eng ineinander verschachtelt. Schmale Gaenge fuehren in Hoefe und dahinter gelegene Gebaeude. Gerueche von Abwaessern und Abfaellen mischen sich mit den Dueften der Garkuechen und Restaurants. Oft macht die Bausubstanz einen eher trostlosen Eindruck. Der Zahn der Zeit und die fast ganzjaehrige hohe Luftfeuchtigkeit haben unuebersehbare Spuren hinterlassen. Aber die Hanoier lieben ihre Altstadt, weil man dort alles kaufen kann. Die Haendler lieben die Altstadt ebenfalls, weil sich dort alles verkaufen laest, auch Schwarzmarktware zu Schwarzmarktpreisen.

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In der Altstadt draengen sich heute Fussgaenger, Fahrraeder, Mopeds, Autos und Haendler mit der Tragestange ueber der Schulter. Handwerker, Nudelmacher und Garkoeche sind bei der Arbeit anzutreffen. Wo aber muesste die empfindsame Dichterin Huyện Thanh Quan angesichts das geschaeftigen Treibens am Anfang des 21. Jahrhunderts, der Billigwaren aus Plastik, Jeans, Fernsehern und dem Laerm von Hunderten Mopeds die Seele des alten Thăng Long suchen? Sie hat sich in die Hoefe und auf die Daecher gefluechtet, in die Tempel und Pagoden. Wenn man sie sucht, laesst sich sich auch heute noch finden.

Viele Gruesse
Cathrin

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