Ngo Thi Nham

Ngô Thì Nhậm (1746-1803)

Wohl kaum eine historische Gestalt in Vietnam war lange so umstritten wie Ngô Thì Nhậm. Er lebte in einer Uebergangsperiode der vietnamesischen Geschichte, in der das Land etwa 100 Jahre lang durch einen Buergerkrieg in Nord und Sued geteilt war. Der Norden stand unter der nominalen Herrschaft der Lê-Dynastie (1428-1788), aber die reale Macht lag in den Haenden der Trịnh-Fuersten. Auch im Sueden behaupteten die regierenden Nguyễn-Fuersten, sie uebten die Macht im Namen der Lê-Dynastie aus.

Der Ngô-Clan, aus dem viele der preisgekroenten Kandidaten bei den alle drei Jahre stattfindenden Literaturpruefungen hevorgingen, hatte mehrere Generationen lang im Dienste der Lê und Trịnh im Norden gestanden. Ngô Thì Nhậm selbst gewann den Wettbewerb im Jahre 1778 im Alter von 30 Jahren und wurde voruebergehend zum Vizeminister fuer Oeffentliche Projekte ernannt.

Die Lage der Menschen war in dieser Zeit im ganzen Lande wegen der feudalen Ausbeutung und der staendigen Kriege zwischen den Trịnh- und den Nguyễn-Fuersten immer unertraeglicher geworden. Im Sueden taten sich Nguyễn Huệ und seine Brueder zusammen und traten an die Spitze einer grossen bauernrevolte, die spaeter als die Tây Sơn-Bewegung bekannt wurde. Sie konnten die Unterstuetzung der Bevoelkerung fuer sich gewinnen, eroberten die Stammsitze der Nguyễn und besiegten die Trịnh im Norden.

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Die Gelehrten im Norden standen vor einer schweren Entscheidung. Sollten sie dem Lê-Regime bis zum bitteren Ende treu bleiben, das sich durch Unfaehigkeit, Inkompetenz und Korruption selbst diskreditiert hatte? Sie waren bis ins Innerste gepraegt durch die konfuzianische Doktrin, die dem legitimen Herrscher gegenueber absolute Loyalitaet verlangte. Oder sollten sie sich der neuen Tây Sơn-Dynastie anschliessen, deren Gruender Nguyễn Huệ. der zum Koenig Quang Trung gekroent worden war, sich als der Einzige herausstellte, der das Land vor Terror, Anarchie, Niedergang und Verrat retten konnte?

Ngô Thì Nhậm entschied sich fuer die letztere Option, waehrend einer seiner Brueder weiter einem Spross der Lê-Dynastie folgte und damit den Weg der Staatsraison einschlug. Da er in der Kunst der Politik und der Strategie versiert war, wurde Ngô Thì Nhậm bald zur rechten Hand des Koenigs Quang Trung. Als dann unter dem Vorwand, der legitimen Lê-Dynastie wieder zur Macht zu verhelfen, der chinesisch-mandschurische Kaiser der Qing-Dynastie ein Expediotionsheer nach Vietnam schickte, ersann Ngô Thì Nhậm einen strategischen Plan, mit dem es gelang, die 200.000 Mann starke Besatzung, die sich in Hanoi festgesetzt hatte, wieder zu vertreiben.

Um den "Himmlischen Hof" zu besaenftigen und zugleich die nationale Unabhaengigkeit zu festigen, brauchte man eine diplomatische Taktik, die sowohl prinzipientreu als auch flexibel war. Quang Trung uebertrug diese Aufgabe Ngô Thì Nhậm, der sie glaenzend loeste. Durch Dekrete, die in hochliterarischen Han-Ideogrammen (klassischen chinesischen Schriftzeichen in der komplizierten, in kleinen Bldern kalligraphierten Schreibweise des Hofes) gelang es ihm, der Rachedurst der Quin zu stillen und den Kaiser dazu zu bringen,Quang Trung als rechtmaessigen Herrscher von Vietnam zu akzeptieren. Zweimal war er in diplomatischer Mission als Botschafter in China, wobei er sich Achtung und Respekt erwarb und das Prestige seines Landes erhoehte. Auf seinen Reisen schrieb er zahlreiche Gedichte, denn er liebte es, die Schoenheit der Landschaft zu besingen. Er ist Autor von Hunderten von Naturgedichten, besang historische Staetten ebenso wie Persoenlichkeiten und moralische Verwicklungen, schrieb Erbauungsgedichte und Lieder, die die Liebe zur Heimat zum Thema hatten.

Grabanlage von Ngo Thi Nham

Die Karierre von Ngô Thì Nhậm am Hofe Quang Trungs dauerte nur fuenf Jahre lang und war beendet, als der Herrscher 1792 im Alter von 40 Jahren starb. Der Hof von Tây Sơn zerfiel unter der Herrschaft eines zu jungen Nachfolgers, Attentate und Intrigen waren an der Tagesordnung. Ngô Thì Nhậm hielt sich in Disanz und widmete sich dem Studium der buddhistischen Lehre. Im Jahre 1802 vertrieb ein Nachfolger der Nguyễn-Fuersten die Tây Sơn und gruendete die Nguyễn-Dynastie. Ngô Thì Nhậm wurde verhaftet, zu Tode gepruegelt und sein Name wurde auf der Stele der Gewinner des Literaturwettbewerbes geloescht.

Vor einiger Zeit hat man an der Stelle, an der Ngô Thì Nhậm begraben liegt (im Dorf Tả Thanh Oai, huyện Thanh Trì im Sueden von Hanoi) einen Gedenkstein gefunden, auf dem die Verse eines Gedichtes eingraviert sind, die als sein geistiges Testament gelten duerften:

Ein bestaendiges Herz ist wie der Sand im Fluss
Es kommt und geht im Universum
Es verschwindet nie und es stirbt nicht
Sich treffen und sich trennen - Leben und Tod -
Das ist die Ordnung der Dinge.

Viele Gruesse
Cathrin