Frauen im Befreiungskampf

Geboren 1952 in Saigon, vier Geschwister. Die Eltern von Đo跣 Thị 聲h Tuyết waren auch fuer die Revolution, aber nicht aktiv. Die aeltere Schwester ging wie sie auf eine Maedchenschule in Saigon. 聲h Tuyết hat wohl gemerkt, dass die Schwester heimlich etwas tut und zu Hause nichts erzaehlt, dass sie mit der Freundin weggeht, in der Schule auch mal fehlt. Aber es gibt kein Gespraech. Die Schwester hat Angst, denn 聲h Tuyết ist erst 13, koennte unbedacht etwas verraten. Aber die Freundin der Schwester spricht mit ihr, macht sie auf Willkuer und Ungerechtigkeit, auf Klassenunterschiede und Elend aufmerksam. Man kann das beseitigen, sagt die Freundin, wenn man an der Revolution teilnimmt. Dies ist ein zorniger Weg. Man kann sterben, man kann gefoltert werden.

聲h Tuyết hat nicht gleich mitgemacht. Dann gab es ein Schluesselerlebnis. Bei einem Besuch der Grossmutter in Mỹ Tho im Mekongdelta geraet sie in eine "Saeuberungsaktion" der Amerikaner, die Operation Phoenix. Ermordete Frauen und Kinder, sinnlose Zerstoerung der lebensnotwendigen Ernte. 聲h Tuyết bittet ueber die Freundin der Schwester um Aufnahme in die Organisation. Die Dreizehnjaehrige arbeitet zunaechst in der Studentenbewegung mit, geraet deshalb nicht in Verdacht, wenn im Campus die Fahne der Befreiungsfront weht. Sie verteilt Flugblaetter in der Schule und anderswo. Wer kontrolliert schon ein kleines Maedchen. Aber dann geraet sie doch in Gefahr. Die Organisation fordert, dass sie von zu Hause weggeht, damit sie nicht festgenommen werden kann. Sie weint, will nicht, laesst sich dann doch ueberzeugen von den Bildern, die sie taeglich in den Strassen erlebt.

Ohne Kenntnis der Eltern wird sie in ein befreites Gebiet der Provinz B Rịa gebracht, geht dort zur Schule und wird weiter fuer die illegale Arbeit vorbereitet. In den Zeitungen liest sie, dass ihre Eltern sie verzweifelt ueber Anzeigen suchen. Aber Widerstand heisst auch, sich niemandem anvertrauen zu duerfen, selbst denen nicht, denen man vertraut. Auch in der befreiten Region ist die Arbeit schwierig. Ueberall sitzen Spitzel, denunzianten des Thiệu-Regimes. Oft muss 聲h Tuyết mit anderen Widerstandkaempfern ins Gebirge fliehen.

Frauen im Vietnamkrieg

Nach drei Monaten darf sie zurueck nach Saigon. Aber nicht zu ihrer Familie, nicht in die alte Schule. Das verbietet die Disziplin der illegalen Arbeit. Sie wohnt bei unverdaechtigen Leuten als "Gast vom Lande". Sie geht weiter zur Schule, macht weiter in der Schueler - und Studentenbewegung, versucht Aufklaerung bei den am meisten Betroffenenen, den Jugendlichen aus armen Familien.

1968, Tết-Offensive. 聲h Tuyết ruft zu Demonstrationen auf, zur Revolution von innen. Sie ist jetzt 16, geht zurueck in ein befreites Gebiet und dort auf eigenen Wunsch in eine Sondereinheit. Das bedeutet: Kampf mit der Waffe. Fast ein Jahr sind Aktionen nach der Tết-Offensive nicht moeglich. Sympatisierende Familien in Saigon, die vorher Kaempfer illegal aufgenommen hatten, sind verschreckt durch brutale Polizeieinsaetze. Sie muessen neu ueberzeugt werden. Maenner der Sondereinheit laufen Gefahr, dass sie in die Thiệu-Armee eingezogen werden, wenn sie in Saigon arbeiten. Die Frauen in der Sondereinheit uebernehmen Aufgaben, die gewoehnlich einem einzelnen Kaempfer nicht in derartigem Umfang zugemutet wurden. 聲h Tuyết transportiert kiloweise Sprengstoff in die Stadt. Sie recherchiert, in welchen Hotels CIA-Agenten wohnen, wen sie erpressen und toeten, um an Informationen zu kommen.

Sie muss sch selbst ernaehren.Es gibt kein Geld von der FNL oder der Partei. 聲h Tuyết gibt Nachhilfeuntericht und hoert selbst mit der Schule auf. Die Familie, bei der sie in Saigon wohnt, weiss, dass sie fuer die Befreiung arbeitet. Aber fuer den bewaffneten Kampf haelt man 聲h Tuyết fuer zu jung. Um die Familie zu schuetzen, bringt 聲h Tuyết den Sprengstoff in Verstecken ausserhalb des Hauses unter, baut sich aber vorsichtshalber dort einen Fluchtgraben. Jeder wurde beobachtet, in jedem dritten Haus in Saigon gab es einen Agenten des Geheimdienstes.

In der Zeit zwischen Tết-Offensive und Oktober 1970 veruebt 聲h Tuyết sieben Sprengstoffanschlaege, den letzten auf das Pressezentrum in Saigon. Dort war das Zentrum der psychologischen Kriegsfuehrung, ein Treffpunkt fuer CIA-Agenten und Thiệu-Offiziere. Nach dem Attentat auf das Pressezentrum stand in der Zeitung, der Vietcong habe sich vom Dach abgeseilt und den Sprengsatz gelegt. "Nein", sagt 聲h Tuyết, "wir sind durch die Tuer gekommen, zwei Frauen als Journalistinnen getarnt." 28 Menschen wurden getoetet. Hatte sie Skrupel? "Eine solche Aktion muss praezise durchgefuehrt werden. Die Vorbereitungen erfordern Disziplin. Wenn Unschuldige dabei getoetet werden, war es schlechte Arbeit." sagt 聲h Tuyết.

Frauen im Vietnamkrieg

Im Oktober 1970 wird sie entdeckt und durchwandert verschiedene Saigoner Gefaengnisse. Zwei Jahre lang wird sie dort gefoltert, damit sie ihre Genossen verraet. Sie gruesst nicht die Thiệu-Flagge, sie verraet niemanden. Die Folter: alles was man speziell Frauen antun kann. Mit Schlangen, Flaschen, Elektroschocks in der Scheide. Seifenloesungen in Magen oder Darm gepumpt, danach Elektoschocks. Wenn sie bewusstlos wurde, bekam sie eine Kreislaufspritze. Weil all dies 聲h Tuyếts Glauben an den Sieg nicht brechen kann, weil die "normalen" Foltermethoden versagen, wird sie nach zwei Jahren nach C獼 Sơn gebracht, auf die Insel der Tigerkaefige. Vor allem die Namen der beherbergenden Familien will man erfahren. Aber sie sagt nichts, gruesst weiterhin trotz der Folter die Thiệu-Flagge nicht. Sie sitzt zusammen mit zwei anderen Frauen in einer dunklen Isolationszelle. Ein kleines Luftloch in der Zelle, Essen durch die Klappe, einmal im Monat duschen.

聲h Tuyết, fast noch ein Kind, hat kindliche Beduerfnisse. Lust auf Zucker, Bonbons, frisches Gemuese. Das wird als Belohnung fuer Verrat angeboten. Aber sie widersteht. 14 Tage lang halten die Frauen im Lager einen Hungerstreik durch. Drei Frauen sterben waehrend des Streiks. Die Bewacher versuchen, ihn durch Traenengaseinsatz in den Zellen zu brechen. Das hat eine furchtbare Wirkung. 聲h Tuyết erinnert sich an eine Frau, die schon seit langem Blutstuhlgang hatte. Man versprach ihr lebensnotwendige Medikamente, wenn sie die Thiệu-Flagge gruesst. Sie weigerte sich und starb.

An die Nacht vor der Befreiung kann sich 聲h Tuyết genau erinnern. Eine schoene Nacht mit Mondschein. Die Gefangenen wussten, dass die Befreiung kurz bevorstand, die Inselleitung hatte Massengraeber ausheben lassen. Einige Maenner konnten sich selbst befreien, als unter den Bewachern Panik ausbrach, nachdem der Fall von Saigon bekannt wurde. Sie nahmen Gewehre und Munition der Bewacher, inhaftierten jene, die noch nicht geflohen waren, befreiten dann die Frauen und Einzelhaeftlinge, von denen einige zehn Jahre und laenger in unterirdischen Steinhoehlen isoliert worden waren. "Als die Maenner kamen und uns befreiten, haben wir jede Etikette vergessen und sie umarmt", sagt 聲h Tuyết. "Die Gesunden unter uns haben sich auch auf dem Kampf vorbereitet, falls die Bewacher zurueckkommen sollten." Aber es kamen am naechsten Tag die Befreier. Zurueck in Saigon, sah sie zum ersten Mal nach fast 10 Jahren ihre Eltern wieder, die geglaubt hatten, ihre Tochter arbeite fuer die Amerikaner.

Die Heldin der Streitkraefte Đo跣 Thị 聲h Tuyết war spaeter als Major der Armee im Kommandostab verantwortlich fuer Jugendarbeit. Aufgrund der schweren Verletzungen durch die Folter brachte sie 1986 ein behindertes Kind zur Welt. Heute ist sie Rentnerin.

Viele Gruesse
Cathrin

Veteraninnen der FNL 1985 in HCMC