Strassenhaendler 01

Gleich nach Sonnenaufgang beginnt die Haendlerin Vinh ihren Arbeitstag und zieht durch Hanois Strassen, staendig auf der Suche nach Kunden. Sie erzaehlt einen Tag aus ihrem Leben.

Die Leute sehen mich gleich, wenn ich mit meinem Fahrrad durch die Stadt ziehe. Denn es ist hoch beladen mit Plastikartikeln wie Haushaltszubehoer, Schuesseln, Eimern, aber auch kleineren Gegenstaenden wie Haarnadeln oder Waescheklammern. Insgesamt wiegen diese Sachen um die 30 Kilo und haben einen Warenwert von etwa 2 Millionen VNĐ (70 Euro). Das ist alles, was ich brauche, um meinen Arbeitstag zu beginnen.

Meine Name ist Nguyễn Thị Vinh, aber die Leute rufen ueblicherweise nur "Hey" oder "Nhựa" (Plasitk), wenn sie etwas bei mir kaufen wollen. Ich werde im August 25 und arbeite seit drei Jahren in Hanoi als Strassenhaendlerin. Ein Verwandter hat mir diesen Job besorgt. Jeden Tag verlasse ich um 7 Uhr meine Unterkunft in der Naehe der Long Biên Bruecke, die pro Nacht 10.000 VNĐ (25 Cent) kostet. Ich schiebe meine Fahrrad, weil die Plastik-Artikel jeden verfuegbaren Raum einnehmen, so dass ich nicht aufsteigen kann. Jeden Morgen zahle ich 3.000 VND fuer eine Schale Xôi (gedaempfter Klebreis) als Fruehstueck. Taeglich komme ich an zahllosen Phở- (Suppen-) und Bun (Nudel-) Laeden vorbei. Jedesmal steigen mir die delikaten Gerueche in die Nase. Ich hatte noch nie eine Chance, solche Gerichte zu probieren. Aber ich hoffe, eines Tages werde ich es mir leisten koennen.

Strassenhaendler 02

Meine regelmaessigen Runden fuehren durch viele Teile der Stadt. Meine Kunden halten mich an, indem sie aus ihren Haeusern rufen oder ihre Mopeds vor meinem Fahrrad anhalten. Oft sind es Frauen mit viel Erfahrung im Haushalt. Sie sind sehr waehlerisch beim Aussuchen der Waren und reden oft sehr herablassend. Sie machen meine Ware schlecht, um einen besseren Preis herauszuholen. Beim Handeln auf der Strasse muss man immer feilschen. Ueblicherweise verdiene ich je verkauften Artikel zwischen 500 und 3.000 VNĐ. Wenn ich Glueck habe, gerate ich an maennliche Kunden, die keine Zeit oder Lust haben, mit mir zu handeln.

Gegen Mittag mache ich eine Pause in einer Strasse in der Naehe des Bạch Mai Krankenhauses, wo ich ein kleines Mittagessen zu mir nehme. Normalerweise gebe ich etwa 10.000 VNĐ fuer Reis, Tofu, Gemuese und eine Schuessel Suppe aus. Machmal wird die Pause etwas laenger und ich schwatze noch im Schatten eines Baumes mit anderen Strassenhaendlern. Gegen zwei Uhr nachmittags beginnt dann wieder die Arbeit. Im Sommer, wenn die Leute die Mittagshitze in der Sonne meiden, kann ich spaeter anfangen. Ich habe keine feste Zeit fuer das Ende meines Arbeitstages. Wenn ich meine, dass ich genug verkauft habe oder dass es spaet ist, esse ich auf der Strasse zu Abend und kehre zu meiner Unterkunft zurueck. Dort komme ich ueblicherweise gegen 10 Uhr abends an.

Strassenhaendler 03

Ich stamme aus einer landwirtschaftlichen Gemeinde in der Provinz Hưng Yên noerdlich von Hanoi. Meine Familie hat sieben Sao Land (2.520 qm). Dennoch sind wir noch sehr arm. Ich bin das aelteste von vier Kindern. Meine beiden juengeren Schwestern sind verheiratet. Mein Bruder lebt bei den Eltern. Mein Vater leidet an Krebs. Er bleibt deshalb zu Hause und hilft beim Kochen, wenn er dazu in der Lage ist. Meine Mutter und mein Bruder arbeiten in einer Ziegelei, wenn sie auf den Feldern nichts zu tun haben.

Ich teile meine Unterkunft mit drei anderen Haendlerinnen und mit fuenf Obstverkaeuferinnen. Jede von uns hat nur einen kleinen Bereich zum Schlafen. Die meisten der Plastik-Haendlerinen beziehen ihre Waren von einem Betrieb im Stadtbezirk Long Biên. Normalerweise zahlen wir fuer die Ware im voraus. Wenn wir sie nicht verkaufen, koennen wir sie gegen andere Waren zum gleichen Preis eintauschen. Manchmal koennen wir die Waren auch uebernehmen und spaeter zahlen. An einem guten Tag verkaufe ich Ware fuer 300.000 bis 400.000 VNĐ (10-15 Euro). Aber manchmal reicht es an einem Tag gerade fuer Essen und Unterkunft. Immer versuche ich etwas zu sparen, so dass ich jeden Monat Geld nach Hause schicken kann, um meinen Eltern zu helfen.

Strassenhaendler 04

Einmal im Monat, wenn mein Vater zur Behandlung nach Hanoi ins Krankenhaus kommt, treffen wir uns und reden ueber die Verwandten und die anderen Leute im Dorf. Sie fehlen mir sehr. Immer, wenn ich einer gluecklichen Familie begegne, fuehle ich mich einsam und habe Heimweh. Ich weiss aber, dass ich nur durch meine Arbeit hier Geld habe, das ich fuer die Behandlung meines Vaters und fuer die Verbesserung des Lebens meiner Familie nach Hause schicken kann. Ich habe nicht vor, diese Arbeit noch allzu lange zu betreiben, weil meine Waren sperrig sind und weil ich Aerger mit der Polizei wegen Schwarzhandels bekomme. Ich habe schon oft Strafen wegen Schwarzhandels von der zustaendigen Aufsicht erhalten, manchmal sind sogar meine Waren beschlagnahmt worden. In der Zukunft werde ich moeglicherweise Hanoi verlassen und in mein Dorf zurueckkehren, um zu heiraten. Vorher muss ich diese Arbeit wohl noch zwei oder drei Jahre weitermachen. Ich weiss aber auch, dass ich meine Zeit in Hanoi nie vergessen werde, wie ich durch die Strassen laufe und darauf warte, dass jemand "Hey" oder "Plastik" ruft.

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