Thai-Maedchen in Hanoi

In Vietnam leben ueber 1,5 Millionen Angehoerige der Minderheit der Thái. Sie sind fast ueberall im norwestlichen Bergland anzutreffen. Sie sind Meister im Reisanbau, den sie in der Taelern und auf den grossen Hochebenen betreiben. Die Thái sind nicht so stark durch den Konfuzianismus gepraegt wie die KInh, die vietnamesische Mehrheit. Sie leben ganz nah an der Natur und haben einfache Sitten. Sie lieben Lieder, Musik, Tanz und feiern gerne. Die Liebe ist keine verbotene Sache. Jungen und Maedchen haben viele Gelegenheiten eiander zu treffen und miteinander zu flirten, mit Zustimung der Eltern.

Die Liebe drueckt sich vor allem durch Lieder aus. Die Alten in den Doerfern sagen: " Wenn man die Liebe besingt, dann besingt man das menschliche Leben." Es gibt es grosses Repertoire von Tản chụ xiết xương. Das sind Lieder und populaere Gedichte, die von Maennern und Frauen, Jungen und Alten gleichermassen geliebt werden. Man singt sie ueberall und zu jeder Zeit. Man waehlt jeweils das zur Situation passende Lied aus, um eine Beziehung zu knuepfen, den Hof zu machen, einander zu haenseln, Kritik zu ueben und Ratschlaege zu geben.

Thai-Maedchen 03

Die erste Sammlung von Tản chụ xiết xương wurde in Jahre 2002 in Hanoi in Thai-Schrift mit vietnamesischer Uebersetzung unter dem Titel Tâm tình người yêu (Intime Gefuehle der Liebenden) veroeffentlicht. Ein besser passender Titel waere "Die Kunst der Liebe". Natuerlich hat diese Kunst der Liebe bei den Thái nichts zu tun mit dem gleichnamigen Buch des lateinischen Dichters Ovid, das von der aristokratischen und erotischen Liebe handelt.

Die Liebesrethorik der Thái ist eher von Spontanitaet und Aufrichtigkeit gepraegt. Meist findet die Serenade bei Mondschein statt, Junge und Maedchen singen abwechselnd. Der Junge steht dabei auf der das Pfahlhaus des Maedchens umgebenden Plattform aus Bambusbrettern und spielt auf einer Floete oder auch nur auf einem Blatt, das er zwischen seine Lippen presst und zum Schwingen bringt. Er beginnt seinen Gesang damit, dass er sagt, er habe sich hierher verirrt. Das Maedchen antwortet, es habe immer schon darauf gewartet, dass der Klang der Floete ihm die Ankunft des Mannes ihres Herzens ankuendige. Aber wuerde er fuer sie hierbleiben wollen? Denn

Mein Dorf liegt abseits, am Ende der Welt,
am Ufer eines Stroms, am Fuss der Berge.
Der Kiesweg, der hinfuehrt, ist dunkel verschlungen.
Kaum zu Glauben, dass du es bis hierher schaffst.
Und ich bin haesslich, rabenschwarz.
Niemand schaut mir hinterher.

Der Junge erwidert, sie sei fuer ihn wie ein Drachen.

Und ich wuensche mir,
dass der Drachen sein Haupt auf mein Kissen lege,
dass er meine Wohnung mit mir teilt,
dass meine kleine Schwester bei mir wohne.

Das Maedchen kommt wieder auf seine Armut zu sprechen.

Meine Mutter sagt mir,
hier bei uns habe man nicht alle Tage genug zu essen.
Unser Haus besteht aus getrockneten Blaettern.
Wir haben nicht genug Haende fuer die Arbeit.
Wer wuerde sich fuer einen so kuemmerlichen Haushalt mitten im Wald interessieren?

Der Junge verspricht ihr, so viel wie vier Maenner zu arbeiten, wenn er bei ihr wohnen wuerde.

Thai-Tanz

Gegen die Sitte der von den Eltern fuer Geld arrangierten Ehe argumentiert ein Lied und gibt den Rat:

Hab keine Angst meine Freundin, wenn dein Vater dich zweimal verstoesst.
Sorg dich nicht, wenn deine Mutter sich zwei- oder dreimal einer Heirat widersetzt.
Schlag deine Liebesworte in eine rosa Serviette ein.
Und unser Liebesschwur wird in einer Serviette aus Seide verpackt,
auf dass er reines Gold werde.

Nichts ist so maechtig wie der Gesang:

Da, wo dein Gesang sich an den Klippen bricht,
Werden die Steine zu lebendigen Kalk.
Dein gesang laesst die Sterne herabfallen.
Woerter? Der Wind verweht sie.
Sogar die bitteren Worte werden von den Wellen weggeschwemmt.
Du musst deinen Schwur in Stein meisseln.

Auch der Tod kann die Liebenden vereinen:

Ohne Zoegern wuerde ich mit dir sterben, Freundin.
Die Frucht, die in den Garten herabfaellt
traegt einen Keim in sich.
Der Bambusstamm, in den Schlamm geworfen,
bringt neue Blaetter hervor.
Da, wo wir sterben, wird frisches Gras wachsen.

Thai-Maedchen 01

Das Tản chụ xiết xương spricht vor allem von der Liebe. Aber es besingt auch die familiaeren Tugenden, die Arbeit des Paares:

Freundin, nimm das Messer.
Ich nehme die Hacke.
Vereint koennen unsere Kraefte die Huegel erschuettern
und die Berge versetzen,
den Fluss stauen,
um einen Teich zu schaffen.

Viele Gruesse
Cathrin

Thai-Maedchen 02