Das vietnamesische Bildungswesen steht schon seit Jahren in der Kritik. Immer wieder wird oeffentlich diskutiert, dass sich in den Lehrmethoden und -plaenen endlich etwas aendern muss, um internationales Niveau zu erreichen. Wirkliche Aenderungen in den letzten Jahren waren aber trotz neu ueberarbeiteter Schulbuecher leider nicht zu verzeichnen. Es ist wie bei vielen Dingen in Vietnam, geredet wird viel, gehandelt kaum.

Die meisten vietnamesischen Familien legen grossen Wert auf eine gute Bildung fuer ihre Kinder und nehmen dabei oft grosse Entbehrungen auf sich. So versammelten sich am vergangenen Wochenende mehr als 1.000 Eltern und Familienangehoerige vor der Trường PTCS Thực Nghiệm im Stadtbezirk Ba Đình, um eines der begehrten Antragsformulare fuer die Aufnahmepruefung fuer die 1. Klassen des Schuljahres 2012/2013 zu ergattern. Bei dieser Schule handelt es sich um eine Art experimenteller Grundschule, die seit 1978 besteht und besonderen Wert auf Kreativitaet und Selbststaendigkeit der Kinder legt. So etwas ist an anderen staatlichen Schulen kaum zu finden. Zu den ersten Schuelern gehoert u.a. der bedeutende Mathematiker Ngô Bao Châu, der spaeter ein Stipendium in Paris erhielt und heute in Frankreich lebt.

Die ersten Menschen versammelten sich schon am Vorabend gegen 21 Uhr vor der Schule und hielten dort trotz Regen und Gewitter die ganze Nacht aus. Viele hatten sich Sitzgelegenheiten mitgebracht und wechselten sich mit Familienangehoerigen ab, um ihren guten Platz nicht zu verlieren. Als jedoch am Morgen das Tor der Schuele geoeffnet wurde, mussten der Wachschutz und die Polizei hilflos mitansehen, wie die Menschenmenge das Tor aus den Angeln hob und jeder der erste sein wollte. Es entstand so eine chaotische Situation, dass ueberlegt wurde, die Ausgabe der Antraege um einen Tag zu verschieben. Ausserdem entschloss sich die Schule wegen des grossen Andrangs, anstatt der geplanten 160 Antragformulare nun 200 auszugeben. Was aber nichts daran aendert, dass die meisten der unermuedlich Wartenden leer ausgingen.

Die 200 Gluecklichen koennen sich aber noch lange nicht sicher sein, dass ihre Kinder ab September auch die Schule besuchen duerfen. Denn immerhin ging es erst einmal nur um eine Aufnahmepruefung. Ob aber eine solche Pruefung fuer Sechsjaehrige ueberhaupt einen Sinn macht, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Doch solange sich im Bildungswesen nicht endlich konkret etwas tut, werden wir solche Szenen in Zukunft wohl in jedem Jahr erleben.

Viele Gruesse
Cathrin

Fotos: vnexpress.net